15.02.2017

Pressemitteilung zum EFI-Jahresgutachten 2017

Deutschland: Licht und Schatten an deutschen Universitäten   Universitäten seit 2005: deutlicher Zuwachs an Mitteln und Personal – Mehr Studierende, aber zu wenige Professuren – Nachwuchswissenschaftler im Stellen-Flaschenhals – Deutsche Forscher wandern ins Ausland ab: Wanderungssaldo immer noch negativ

In ihrem zehnten Jahresgutachten, das der Bundeskanzlerin in Berlin übergeben wurde, sieht die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) die deutschen Hochschulen seit 2005 prinzipiell auf gutem Weg. Der Vorsitzende der EFI, Prof. Dietmar Harhoff vom Max-Plack-Institut für Innovation und Wettbewerb, konstatiert: „Die positiven Zahlen sprechen für sich: Grundmittel plus 43 Prozent, Ausgaben für Drittmittelforschung plus 93 Prozent, wissenschaftliches und künstlerisches Personal plus 60 Prozent (2015), Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) inklusive Drittmitteln plus 62 Prozent, FuE-Personal inklusive Drittmittelpersonal plus 40 Prozent.“


Neben Licht gebe es aber auch Schatten: So habe sich durch die noch viel stärker gewachsenen Studierendenzahlen das Betreuungsverhältnis, also das zahlenmäßige Verhältnis von Studierenden zum wissenschaftlichen und künstlerischen Personal, das nicht aus Drittmitteln finanziert wird, trotz allem leicht verschlechtert. Prof. Harhoff: „Die Anzahl der hauptberuflichen und unbefristet beschäftigten Professorinnen und Professoren ist von 2005 bis 2015 vergleichsweise langsam gewachsen – plus 21 Prozent auf 43.700 – und konnte nicht mit dem Wachstum der Anzahl der Studierenden mithalten – plus 39 Prozent auf 2,76 Millionen.“ Auf eine hauptamtliche Professur kommen aktuell 59 Studierende (2005 waren es 51).


Noch besorgter ist die Expertenkommission über das überproportional starke Wachstum bei dem aus Drittmitteln finanzierten wissenschaftlichen Nachwuchs. „Hier war in der letzten Dekade die Wachstumsrate mehr als vier Mal so hoch wie bei den Professorinnen und Professoren – plus 94 Prozent auf 71.300“, so Prof. Uschi Backes-Gellner von der Universität Zürich und Mitglied der Expertenkommission. Durch den starken Anstieg beim Umfang des wissenschaftlichen Nachwuchses entstehe ein starkes Ungleichgewicht im Verhältnis von Nachwuchskräften zu Professuren. „Eine solche Entwicklung beeinträchtigt die längerfristigen Beschäftigungschancen des wissenschaftlichen Nachwuchses im Hochschulsektor.“ Die Anzahl der unbefristeten Professuren als potenzielle „Landeplätze“ für die Nachwuchswissenschaftler bleibe immer weiter zurück. Das verschärfe „das Problem des beruflichen Flaschenhalses für junge Wissenschaftler sehr deutlich“, so Backes-Gellner.


Die EFI plädiert daher für zwei Lösungsansätze, die „dringend umgesetzt werden sollten“:

1. Erhöhung der Anzahl unbefristeter Professuren, um neue Beschäftigungschancen zu schaffen und zugleich die Qualität von Forschung und Lehre und das Betreuungsverhältnis für die Studierenden nachhaltig zu verbessern.

2. Stärkere Berücksichtigung von Karriereperspektiven außerhalb des Hochschulsektors bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. „Durch den vermehrten Übergang der Nachwuchskräfte von den Hochschulen in die Wirtschaft wird das in der Forschung generierte Wissen unmittelbar in etablierte Unternehmen oder auch in Ausgründungen wie z.B. Start-ups übertragen. Das kann auch den für Innovationen so wichtigen Erkenntnis- und Technologietransfer verbessern“, betont Prof. Backes-Gellner.


Die EFI ist überzeugt, dass beide Schritte sowohl das Hochschul- als auch das Innovationssystem in Deutschland nachhaltig stärken können.


Zwar gebe es seit Juni 2016 eine Vereinbarung von Bund und Ländern über ein Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses mittels Tenure-Track-Stellen (Lebenszeitprofessur nach Bewährungszeit), aber die EFI bezweifelt, dass alle Bundesländer in der Lage oder willens sind, die Gesamtfinanzierung des Programms sicherzustellen. Prof. Backes-Gellner: „Die Expertenkommission hat Sorge, dass die durch den Bund geförderten Tenure-Track-Stellen in vielen Fällen lediglich für vorgezogene Berufungen genutzt werden. Die ‚Flaschenhalsproblematik’ würde dann nicht gelöst, sondern allenfalls zeitlich etwas verschoben und sich in der Folge eventuell sogar verschärfen.“


Bei einem weiteren Thema zeigt sich die EFI ebenfalls kritisch: Der internationale Wanderungssaldo von publizierenden Wissenschaftlern bleibt für Deutschland nach wie vor negativ – trotz Verbesserungen seit 2008, zu denen wahrscheinlich vor allem die Exzellenzinitiative beitrug. Deutschland verliert aber jedes Jahr immer noch mehr Wissenschaftler, als es hinzugewinnt. „Wenn wissenschaftliches Personal über die Ländergrenzen hinweg mobil ist, wird Wissen verbreitet und es kommen neue Kombinationen von Wissen zustande – das Entstehen von Innovationen wird so begünstigt. Im Durchschnitt sind mobile Forscher – im Vergleich zu denen, die im Heimatland verbleiben – produktiver. Deshalb sind sie für eine auf Forschungsexzellenz ausgerichtete F&I-Politik von besonderer Relevanz“, so der Kommissionsvorsitzende Harhoff, „hier besteht für das deutsche Wissenschaftssystem Spielraum nach oben und der sollte zügig genutzt werden.“


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